Link verschicken   Drucken
 

Wasserversorgung – ein nicht ganz so einfaches Vorhaben

Die Vorgeschichte
Bereits in der Gemeindebeschreibung von Bwakira 1985 wurde die Versorgung mit sauberem Wasser als sehr wichtige Aufgabe genannt. Bürgermeister Kabasha sprach bei seinem Besuch 1988 in Bad Kreuznach von der Notwendigkeit, das Krankenhaus Kirinda und das am Westende der Gemeinde gelegene Gesundheitszentrum Rugabano mit Wasserzuleitungen zu versorgen.

Auf den ersten Blick ist eine Wasserversorgung in einem Land der Tropen, wie dies auch Ruanda ist, kein Problem - zumindest von der Menge her. Es fällt ausreichend Niederschlag, und die beiden Trockenzeiten sind für die Bestellung der Felder, weniger für die Wasserversorgung der Haushalte schwierig, wenn der Regen länger als normal ausbleibt. Der Alltag sieht dann oft so aus, dass einzelne Hütten auf den Hügeln oder auf den Hängen, nicht aber im Tal gebaut werden. Die Familien leben auf dem von ihnen bewirtschafteten Land. Quellen sind kaum gefasst, werden auch vom Vieh als Tränke benutzt und verschmutzt. Oft wird Wasser aus den Bächen und Flüssen geholt wird das Krankheitserreger enthält: Wasser ist verfügbar, aber von schlechter Qualität.

Wasser holen ist eine Aufgabe der Kinder und Frauen. Viele Mädchen gehen vor dem Schulbesuch ins Tal, füllen den Zwanzig-Liter-Kanister und bringen das Wasser nach Hause auf den Hügel. Nachmittags gibt es dann oft die gleiche Arbeit zu tun.  Trinkwasser abkochen ist nicht üblich und würde auch knappes Brennholz verbrauchen.

Was ist also tun? Eine Versorgung mit sauberem Wassererhöht die Lebensqualität deutlich. Dabei sind Quellfassungen eine lokal wirksame, Wasserversorgung über ein Leitungssystem eine eher flächenwirksame Maßnahme. Beide Wege wurden in der Gemeinde Bwakira beschritten. Der erste bereits in den achtziger Jahren und auch wieder nach dem Genozid, der zweite nicht mit dem nachhaltigen Erfolg, den wir uns erhofft hatten.

Die Wasserversorgung Rugabano
Die erste Wasserversorgung für den Bereich des Gesundheitszentrums Rugabano und den Sektor Mugunda liest sich im Rückblick nicht gerade als Beispiel für rasche und effiziente Hilfe, eher als Beispiel für die Mühen des Alltags der Zusammenarbeit. Bereits 1984 gab es eine erste grobe Projektierung, und 1987 hatte die ruandische Brunnenbau-Genossenschaft COFORWA eine genaue Projektbeschreibung mit Kostenvoranschlag (172.000.- DM) erstellt. Zwei ganzjährig fließende, hoch liegende Quellen sollten gefasst und über fast zehn Kilometer in einer Gefälleleitung aus PVC-Rohren nach Rugabano geleitet werden.

Deren Notwendigkeit war auch für die drei Kreuznacher Besucher zum Jahreswechsel 1989/90 offensichtlich. Sie sahen braune Brühe, die als „Wasser“ in Rugabano am Gesundheitszentrum und den beiden benachbarten Schulen aus einer Wasserfassung kam. Die projektierten Kosten überstiegen die Möglichkeiten des Ruanda-Komitees bei weitem. Nach Gesprächen mit der Kreisverwaltung Bad Kreuznach und dem Land Rheinland-Pfalz konnte 1990 die Finanzierung gesichert werden, wobei das Land den Löwenanteil übernahm (siehe Projektübersicht). Im gleichen Jahr begann im Oktober 1990 im Norden Ruandas ein kurzer, aber heftiger Bürgerkrieg, der zwar die Gemeinde Bwakira nicht direkt betraf, aber das öffentliche Leben insgesamt lähmte. Erst im August 1993 wurde ein Friedensabkommen unterzeichnet, und im April 1994 begann der Genozid.

Trotzdem wurde von der COFORWA noch vor Jahresende 1991 mit den Arbeiten begonnen, im Mai 1992 waren die Quellfassungen fertig, und es wurde an den Leitungen gearbeitet. Durch den Krieg gab es Lieferprobleme mit den PVC-Rohren, und die Bevölkerung erbrachte ihre Eigenleistung, das Ausschachten der Gräben für die Leitung, immer hin ein Viertel der Projektkosten, durch „Umuganda“ nur nach und nach. Donat Habiyambere aus Bwakira, der mit unserer Unterstützung eine Maurerlehre in Rheinland-Pfalz machte,  konnte uns nach seinem Heimaturlaub im August 1992 Bilder und Informationen von der Baustelle mitbringen. Frau Eminger sah beim Besuch im Juli 1993 eine funktionierende Wasserleitung.

Die Nutzung sollte nicht umsonst sein: Jede Familie soll jährlich etwa 60 Pfennige zahlen, um damit Reparaturen zu ermöglichen. Damit tat sich ein neues Problem auf, denn warum soll man für etwas zahlen, was eigentlich sowieso vorhanden ist? Und außerdem haben die „Muzungu“, wie die Weißen auf Kinyarwanda genannt werden, doch wohl genug Geld, um die Wartung auch zu übernehmen. Mit dem Krieg 1994 und den folgenden Wirren blieben Beschädigungen nicht aus. Es wurden, ohne dass wir genaue Informationen bekamen, Reparaturen vorgenommen, die z.T. von uns bezahlt wurden. Die Leitung blieb mit Unterbrechungen funktionsfähig. Unsere ruandischen Partner „mauerten“ aber beharrlich wenn es um genauere Auskünfte ging.

Nun gehört Rugabano seit der Kommunalreform 2000 zum Nachbardistrikt Gisunzu, doch Alexander Stroh und ich ließen es sich bei unserem Besuch im Frühjahr 2002 nicht nehmen, die Wasserleitung Mugunda-Rugabano zu besuchen. Der Zustand war nicht mehr zufriedenstellend. Die Entnahmestellen waren nur zum Teil gepflegt, aus mehreren Wasserhähnen tropfte oder floss Wasser, mit dem „Erfolg“, dass am Ende der Leitung in Rugabano fast nichts mehr ankam. In Gesprächen mit Nutzern an Ort und Stelle war kein Bewusstsein dafür zu spüren, dass man die Anlage auch unterhalten und pflegen muss. Auf der Durchfahrt in Rugabano im Herbst 2012 war keine Veränderung zum Positiven zu sehen.

Die Wasserversorgung Nyabiranga – sauberes Wasser für 6000 Menschen
Ein weiterer Versuch (man muss es wohl so bezeichnen) mit einer großflächigen Wasserversorgung wurde seit 1996 im Süden der Gemeinde geplant. Die Wasserversorgung Nyabiranga, das bisher größte Projekt des Ruanda-Komitees, konnte nach eingehenden zweijährigen Vorplanungen in den Jahren 1999 bis 2001 realisiert werden. Auch hier hat das Land Rheinland-Pfalz den Großteil der Kosten getragen.  

Das Projekt, das im September 2001 offiziell eingeweiht wurde, wurde 2002 endgültig abgerechnet.  Die Wasserversorgung des Sektors Nyabiranga, eines Teiles der Gemeinde Bwakira, hat insgesamt 323.141,17 DM gekostet, das sind  165.218,85 €. Damit konnten die ursprünglich geschätzten Kosten von 359.000.- DM deutlich unterschritten werden.

Aus Bad Kreuznach kamen dabei 25.238,50 DM, vom vorher abgeschlossenen Projekt, einem Schulneubau, waren 19.692,54 DM übrig, die investiert wurden, und den großen „Rest“ übernahm das Land Rheinland-Pfalz im Rahmen der Partnerschaft mit Ruanda. Eingeschlossen waren dabei auch Eigenleistungen der ortsansässigen Bevölkerung im Umfang von etwa 3 % der Bausumme, in der Hauptsache waren Gräben auszuheben und wieder zu verfüllen.

Die Arbeiten wurden von ruandischen Kräften geplant und durchgeführt. Vier Quellen, die ständig ca. 5 Liter pro Sekunde schütten, wurden gefasst und insgesamt über 20 Kilometer PVC-Leitung verlegt. Die Versorgung geschieht ohne Pumpen, nur mit 13 Zisternen als Sammler und Druckausgleich. An 36 Wasserstellen und einer Viehtränke kann sauberes Wasser entnommen werden. Bei jeder Wasserstelle wurde ein „Wasserkomitee“ eingerichtet, dass einen kleinen Beitrag für die Nutzung und Unterhaltung einsammelt und verantwortlich für die Unterhaltung der Anlage ist.  600 ruandische Francs, das waren 2002 etwa 1,50 €, müssen die Benutzer jährlich dafür bezahlen.

Besonders für Frauen und Kinder, die das Wasser holen, wird die Situation damit deutlich besser. Lange Wege zu den oft verschmutzten Bächen sind nicht mehr nötig.  Die gesamte Familie hat den Nutzen, weil die Krankheitsgefahren durch sauberes Wasser deutlich geringer werden. Vorläufig ist die Bilanz deshalb, weil unsere ruandischen Partner dafür sorgen müssen, dass die Investition sich trägt, funktionsfähig bleibt und auch in Zukunft weiter Nutzen bringt. Etwas errichten und dann vergammeln lassen hat keinen Sinn.

 

Gemeinsam werden wir dafür sorgen, dass diese Wasserversorgung ein Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung bleibt. In den Jahren 2000 und 2002 konnte ich verschiedene Teile der Wasserversorgung sehen, und es scheint  besser zu funktionieren als in Rugabano. 2006 machten wir die Beobachtung, dass die Verteilung des Wassers auf verschiedene Stränge nicht zufriedenstellend geregelt zu sein scheint. Und 2012 lag ein Strang wieder trocken, der nach 2006 schon repariert worden sein soll. Neben dem Grundproblem, dass die Anwohner eine Sache, die ihnen zwar nutzt, die sie selbst aber nicht gefordert haben (wohl aber ihre politischen Gremien), nicht zu ihrer Angelegenheit machen- tritt verstärkend das Zuständigkeitsgerangel zwischen Sektoren und Distrikten auf.

 

Die Quellen liegen heute im Nachbardistrikt, und die Abnehmer weiter unten gucken in die (trockene) Röhre. Und dann für die Nutzung und Unterhaltung auch noch zahlen? Geld ist knapp, die Einkommen sind gering. Dass eine Versorgung mit sauberem Wasser Frauen und Mädchen am meisten entlasten kann, ist manchen Männern auch nur schwer zu vermitteln.

Jean Baptiste Bicamumpaca, der damalige Vorsitzende des Partnerschaftskomitees und heutige Mitarbeiter des Koordinationsbüros in Kigali,  hat die Schwierigkeiten erkannt und bei der offiziellen Einweihung der Wasserleitung am 27. September 2001 eine bemerkenswerte Rede vor den Gästen und vielen Hundert Anwohnern gehalten, die zwar (aus unserer Sicht) manche diskussionswürdige Aussage enthält, aber im Grundsatz versucht, den Anwesenden einiges klar zu machen. Nach den Erfahrungen mit der Wasserleitung in Rugabano fordert er seine Landsleute auf, nicht alles, was in der Gemeinde durch Hilfe von außen getan wird, für selbstverständlich zu erachten. Wie er es sagt:„Die kostenlosen Dinge sind die teuersten, weil sie die Mühe kosten zu verstehen, warum sie kostenlos sind“.

Die Wasserversorgung Munzanga
Nun sollte man meinen, dass uns die  Erfahrungen mit Rugabano und Nyabiranga von weiteren Aktivitäten bei der Wasserversorgung  abhalten würden. Aber die Versorgung mit sauberem Trinkwasser ist weiterhin wichtig, und es gilt, jede Maßnahme für sich zu prüfen.


So wurde 2005/06 erneut eine Wasserversorgung installiert. Die bereits seit 1977 bestehende Wasserleitung (ein Schweizer Projekt) führt über 3,6 km Wasser zum Gesundheitszentrum Munzanga (wo wir schon viel investiert haben). 1996 wurde die Anlage instandgesetzt, doch die Probleme mit geringer Wasserschüttung und Speicherung blieben. Die Anlage war aber intakt. Die Projektstudie aus dem Jahr 2004 zeigt, dass mit relativ geringem Aufwand eine große Wirkung erreicht werden könnte. Für ca. 6.500 Euro werden die  Anwohner durch sechs Entnahmestellen sowie die kleine Siedlung Munzanga mit Primarschule, Sekundarschule und Kirche versorgt. Eine Erweiterung durch eine weitere Quellfassung ist möglich. Im Herbst 2012 waren, wie sechs Jahre zuvor, lange Schlangen von Kindern an der letzten Entnahmestelle vor dem Gesundheitszentrum zu sehen: die Anlage funktioniert!

Schlussfolgerungen
Unser Fazit ist: Große Wasserversorgungen sind hier ohne vorherige „Sensibilisierung“ (wie das auf Entwicklungs-Chinesisch heißt) der Bevölkerung eher sinnlos als nützlich. Auch bei relativ kleinen Vorhaben, die aber für eine Organisation wie uns eine hohe Kostenbeteiligung erwarten, ist es zweifelhaft, an der Bevölkerung vorbei zu planen, selbst wenn nach unserer Einschätzung und den Vorstellungen der politisch Verantwortlichen in Ruanda der Nutzen für die Beteiligten offensichtlich ist.

Es müssen bei Wasserbauprojekten von Beginn an Rückstellungen für Unterhaltung und Reparatur eingeplant werden, die vor Ort unbürokratisch verfügbar sein sollen. Die  in Nyabiranga und Munzanga eingerichteten „Wasser-Komitees“ haben nur dann eine Wirkung, wenn sie die Unterhaltungsarbeiten auch durchführen können. Selbst kleine „entwicklungspolitische Ruinen“ sind Ruinen und helfen niemandem. In der Partnerregion ist das Wasserkraftwerk Mashiyga bei Kirinda, das schon lange nicht mehr funktioniert, ein warnendes Beispiel. So weit sind wir mit den Wasserleitungsprojekten sicherlich nicht, aber eine (selbst-)kritische Prüfung von Absicht und Wirkung auf der deutschen und der ruandischen Seite muss auch hier erfolgen.

Eine gute Ergänzung der dezentralen Wasserversorgung ist der Bau von Wasserzisternen bei Schulneubauten. Eine 10-Kubikmeter-Zisterne zu installieren um Regenwasser zu sammeln kostet ca. 4.000 Euro, und es ist gut, dass bei Schulbauprojekten im Rahmen der Partnerschaft seit einigen Jahren grundsätzlich Zisternen mitgebaut werden.

 

>> zu den Bildern <<